Tempo 140: Konstruktivismus und Verkehrsplanung

Der Konstruktivismus dürfte die letzte, wesentliche Strömung der Philosophie sein. Sätze wie "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners" (Heinz von Förster) haben in Zeiten der Fake News natürlich einen gewissen Reiz, nobilitieren sie doch die kurioseste Meinung zu einer persönlichen Wahrheit. Dass aus der subjektiven Wahrheitsvielfalt eine gemeinsame, diskursive Übereinkunft entstehen soll, wird gerne ausgeblendet, zumeist stehen die unterschiedlichen Wahrheiten unversöhnlich nebeneinander. Nun gibt es weniger Bereiche, die von persönlichen Wahrheiten so durchdrungen sind, wie der Verkehr: jeder Verkehrsteilnehmer hat schließlich das Recht auf eine Evidenz, die er für wahr hält. Die Debatte um das Tempo 140 auf Autobahnen bringt allerdings ein Fachgebiet ins Spiel, die sich subjektiven Wahrheiten verweigert: so wie der freie Fall dem Konstruktivismus entzogen ist, also diskursiv ungeeignet ist, kann der Zusammenhang zwischen Fahrgeschwindigkeit und Unfallschwere nicht kommunikativ vereinbart werden – es gilt die Wahrheit der Physik. Deshalb ist es auch einerlei, wie raffiniert – oder tollpatschig – Umwelt- und Verkehrssicherheitsgutachten erstellt werden.
Der Kernsatz lautet: wer schnelleres Autofahren zulässt, gefährdet Menschenleben.