20 Minuten "blind"

Im Rahmen des Seminars „Qualitäten für FußgängerInnen – Raum für alle“ durften zwei Mitarbeiter von Rosinak & Partner erleben, was es bedeutet, sich als blinder Mensch auf der Straße zurecht zu finden. Oliver Wurz und Michael Szeiler gingen 20 Minuten mit einer Schlafmaske und einem Blindenstock durch die Straßen von Graz. Selbstverständlich an der Seite einer sehenden Begleitperson, sonst wäre es zu gefährlich gewesen – sowohl für die beiden selbst, als auch für ihre Umgebung.

„Es war eine ganz außergewöhnliche Erfahrung“, zeigt sich Michael Szeiler tief beeindruckt „Jetzt erst kann ich nachvollziehen, wie es blinden Menschen auf der Straße geht. Dieses Erlebnis hilft mir  beim Planen von Blindenleitsystemen bei künftigen Straßenprojekten. Das Schlimmste war das Überqueren von ampelgeregelten Kreuzungen. Zuerst sucht man mühsam den Drucktaster für die Blindenakustik. Also, wenn es grün wird schnell losstarten in Richtung andere Straßenseite und hoffen, dass alle Abbieger gut aufpassen. Der Autoverkehr war so laut, dass ich das gegenüberliegende Blindenakustik-Signal nicht hören konnte. Ohne Hilfe meiner Begleitperson wäre ich bei Rot mitten auf der Kreuzung gestrandet – ein beängstigendes Gefühl.“

Das vom Fußgängerverein „walk-space.at“ organisierte Seminar hatte auch die besonderen Bedürfnisse von kleinen Kindern und älteren Menschen bei der Benutzung des öffentlichen Straßenraumes zum Thema. Gastredner aus der Schweiz und aus Deutschland ermöglichten einen internationalen Erfahrungsaustausch. Eine überraschende Erkenntnis: während in der Schweiz fast alle Kinder im Alter von fünf Jahren alleine in den Kindergarten gehen, denkt in Österreich fast niemand daran, Kinder im Vorschulalter alleine auf die Straße gehen zu lassen.

Eine der Thesen des Seminars: Die Gefahren des Autoverkehrs hindern Kleinkinder daran, den öffentlichen Raum im Wohnungsumfeld selbständig zu erkunden und als Spiel- und Erfahrungsraum zu nutzen. Damit wird die Entwicklung von Kindern gebremst, weil die öffentlichen Räume auch andere Spiel- und Erfahrungsmöglichkeiten bieten als Spielplätze – falls die Eltern den Weg auf den Spielplatz nicht gar durch den Fernseher ersetzen.

Ein Gegensteuern wäre mit besser geplanten Wohnstraßen und sogenannten „Begegnungszonen“ möglich, die es in der Schweiz bereits gibt. Dabei handelt es sich um Tempo 20-Zonen, in denen FußgängerInnen jederzeit die Fahrbahn betreten können und Vorrang vor dem Autoverkehr genießen.

   

Weiterführende Informationen:
www.walk-space.at
www.fussverkehr.ch
www.begegnungszonen.ch
www.fussverkehr.de
www.fgm.at