Gibt es eine Verkehrslösung für den Karlsplatz?

Werner Rosinak: Statement für das Forum für Experimentelle Architektur, 14.2.2008

Ja natürlich: sie ist schon da, die Verkehrslösung. Oder unterstellt die Frage, dass da ein Problem einer Lösung harrt? Ist es nur ein (vermeintliches) Problem, ist da nicht viel mehr im Schwange?

Der Karlsplatz ist ein vielfältig aufgeladener Ort: ein Fluchtpunkt der Erwartungen und Enttäuschungen, der Interessen und der Gleichgültigkeit, der Utopien und Visio­nen. Also: ein Ort der Architekten. Damit steht auch fest, dass sich über den Karls­platz unbegrenzt streiten lässt, all die Ideen und Rezepte streben auseinander – ein Konsens scheint ebenso unmöglich wie unerwünscht.

Von welchem Karlsplatz reden wir überhaupt: dem Unort vor dem Musikverein, dem Ärgernis einer ins Offene verlaufenden Wiedner Hauptstraße, dem Verkehrsirrgarten der Operngasse? Die neueste Umgestaltung der Operngasse ist Phänomenologie: seit langem werden öffentliche Räume aus dem Untergrund definiert, gleichsam „Dritter Mann“. So hat die U-Bahn eine Mariahilfer Straße übrig gelassen, mit unver­rückbaren Zweckbauten aus dem Untergrund. So kann man die Operngasse, den Karlsplatz überquerend, als Weltcup-Slalom der Einbauten-Dienststellen begreifen. Jan Tabor hat die Rache am Karlsplatz zum Thema gemacht: vielleicht rächt sich der Wienfluss am Karlsplatz. Sicher rächt sich die U-Bahn, gut zwei Meter zu hoch gebaut. Auch die Gestalter des Resselparks und der Passagen sind Rächer: weg mit allen oberirdischen Verbindungen, das war ihre Devise, hinein mit all den unmotorisierten Menschen in den Untergrund. Die Ödnis der Wiedner Hauptstraße, die zwischen Technischer Universität und Ring als Niemandsland gelten kann, ist ein Racheakt der besonderen Art – und damit der Karlsplatz ein Zitat des verspäteten Zeitgeistes; da dominiert der Autoverkehr über alle verkehrs­politische Maßen, zwei Drittel aller Verkehrsteilnehmer – Fahrgäste öffentlicher Ver­kehrsmittel, Radfahrer­Innen und FußgängerInnen – sind unsichtbar. So gesehen ver­kehrt der Karlsplatz die Verkehrspolitik Wiens in das Gegenteil – übrig bleibt die Perspektive durch die Wind­schutzscheibe.

Aber: eine schlechte Nachricht für Utopisten. Der Karlsplatz ist nicht zu retten, ist kaum reparierbar; und wenn, dann nur um horrendes Geld, das niemand hat oder ausgeben will (Gott sei Dank). Trotz mehrerer Wettbewerbe ist nichts ebenso Intelli­gentes wie Sparsames in Sicht. Bessere Sicht allenfalls: die Rodungs-Aktion Rüdiger Lainers schafft zumindest Blickkontakt vom vom zum zum.
Allen Visionären ist also Gelassenheit zu empfehlen: ist doch OK, der Karlsplatz; jeder zusätzliche Fußgängerübergang ist ein Fortschritt, jede neue Perspektive eine Wohltat. Der Karlsplatz ist also schon gelöst, er ist offenbar utopie-resistent und damit ein besonderes Wahrzeichen Wiens.

Und übrigens: am 24. Oktober 2008 gibt es eine Karlsplatz-Begehung mit Werner Rosinak im Rahmen der Veranstaltung 2000 Jahre (Link: www.wienmuseum.at)