Sprache und Verkehrsplanung

Erfolgreiche Verkehrsplanung ist auf Kommunikation angewiesen. Das war nicht immer so. Prächtige Straßen und Länder verbindende Bahnstrecken entstanden nach knappen Sätzen der Herrscher: „es ist mein Wille“, und schon waren die Ring­straße Wiens und die Südbahn bis nach Pula gebaut. Einen Rest von Sehnsucht nach diesen goldenen Zeiten der monadischen Entscheidungen spürt man in so mancher Bürger­versammlung, wenn die Entscheidungsträger und die Fachleute genug haben von den Mühen der Mitsprache. Aber der Weg zum Konsens in der Verkehrsplanung, der über Kommunikation führt, ist unumkehrbar. So geht es also um die Qualität des Austauschs von Wörtern und Bildern, um den Gebrauch von Sprache und Zeichen. Von den Bildern soll, obwohl viel wirkmächtiger als die Sprache, heute nur typo­logisch die Rede sein: da gibt es das Bild des Kommunikators selbst, die Körper­sprache, die viel mehr vermittelt als das gesprochene Wort; dann ist da das statische Bild – Symbole, Zeichen und Pläne –,  angesiedelt zwischen Abstraktion und Kon­kretheit, zwischen Prägnanz und Vieldeutigkeit, Quelle unzähliger Missverständ­nisse und Konflikte; und dann sind da die bewegten Bilder mit ihrer besonderen Einpräg­samkeit, derer wir uns – sparsam wie Planer sein müssen – nur selten bedienen können. Aber die Bilder der Verkehrsplanung sind ein eigenes Thema, heute geht es um unsere Sprache.
Sprachkritik bezieht sich hier auf konkrete Texte; natürlich gibt es Vorbehalte gegen die Sprachkritik in der Verkehrsplanung, wie wir uns überhaupt der Reflexion gerne widersetzen. Im übrigen ist jede nun folgende Textkritik auch Selbstkritik. Wenn ich – mit zwei Ausnahmen – im weiteren darauf verzichte, die Autoren zu benennen, geht es mir um deren Schutz und um die Phänomene des Sprachgebrauchs. Beispiel 1:

„Die nachteiligen Abwanderungstendenzen aus den innerstädtischen, zentrums­nahen Quartieren können nur abgebaut werden durch eine deutliche Hebung der Wohnqualität. Als entscheidende Faktoren werden hierfür angesehen die allmäh­liche Anpassung der alten Baustruktur an die neuen Bedürfnisse der Bewohner, die Qualitätsverbesserungen der öffentlichen Räume (Straßen, Plätze) und eine hierarchische, auf die gesamte Siedlungsstruktur abgestimmte Verkehrskonzeption.“

Schon im ersten Text begegnen uns zwei besondere Phänomene: die Verhaupt­wortung, im Deutschen besonders prekär: die Hebung, die Anpassung, die Verbes­serung; das Ungefähre, dessen Bedeutung man nur erahnen kann – denn was dürfen wir uns unter einer „hierarchischen Verkehrskonzeption“ vorstellen?

Thesen zum Sprachgebrauch der Planer
Was fällt nach dem Lesen all der Konzepte, der technischen Berichte und Gutachten auf?

  • Planer schreiben schlampig, verwenden zu wenig Zeit für die Text-Produktion; oftmals sind Texte Provisorien, die nicht verbessert, repariert und schon gar nicht verworfen werden. Es mangelt, so vermute ich, an Achtung und Demut gegenüber einem In­strument, das alle unsere fachlichen Hilfsmittel in den Schatten stellt – der Sprache. Ungeachtet dessen verschwenden wir unsäglich viel Zeit auf detail­lierte Zahlen-Spiele, die uns methodisch-fachlich als besonders kompetent er­scheinen lassen sollen – um die Ergebnisse dann in holprige Sprache zu kleiden.
  • Planer sind überraschend ungenau, wenn sie schreiben. Da treffen wir auf un­vollstän­dige, beliebige Analysen und auf Vorschläge, denen es an jeder Logik mangelt. Noch der schlechteste Kriminalroman ist sorgfältiger strukturiert, ist detailreicher und schlüssiger als so manches Gutachten angesehener Verkehrs­planer. Beispiel 2; die suggestive Logik:

„Mobilität ist immer mit Energieaufwand und damit mit Unbehagen verbun­den. Es muss daher zur Auslösung von Mobilität immer ein entsprechender Reiz vorhanden sein, d. h. ein Potenzialgefälle, das sie verursacht.“
Mein persönliches Unbehagen bei diesem Text bezieht sich nicht auf die Mobilität, sondern auf die Pseudo-Logik.

  • Planer sind unbewusst oder bewusst manipulativ in ihren Texten. Unbewusste Manipula­tion gründet in der Rechtfertigung: „das ist doch ohnedies klar“; übersehen wird, dass nichts vorausgesetzt werden kann, wenn ein Text der Information dienen soll. Natürlich macht es Mühe, das Spezielle konkret zu benennen, wenn man auf einen inhaltsschwachen Fachjargon spielerisch zugreifen kann: nicht Ver­kehrsmittel sind es, sondern Bahnen und Busse, nicht Bauvorhaben, sondern Brücken und Straßen, nicht Ressourcen, sondern Geld und Engagement. Unbewusste Manipulation, die nichts benennt und alles offen lässt, erzeugt Misstrauen.
    Natürlich gibt es auch offenkundige Manipulationen, die sich in wertenden Eigen­schaftswörtern, in der vermeintlichen Versachlichung von Dogmen, im Verbergen persönlicher Werthaltungen äußern.

Im folgenden Text schreibt ein Verkehrsingenieur was er von BürgerInnen hält; und dies innerhalb eines Projektes, das der Information dienen sollte:

„Es liegt in der Natur der Sache, dass die betroffene Bevölkerung gegenüber (sic!) einem Projekt, das ihren Lebensraum und ihr Lebensgefühl berührt, fast ausschließlich emotional reagiert. Zitate aus dem Zusammenhang un­überprüfter Gutachten werden zur Schein-Rationalisierung oder Post-Ratio­nalisierung herangezogen. In der Bandbreite der Emotionen spielt vor allem die Angst vor dem Unbekannten die dominierende Rolle. Die Angst vor un­bekannten und unabsehbaren Auswirkungen des Projektes wird dabei – so hat es den Anschein – von der Angst, Opfer „konspirativer“ Absprachen in der Politik oder anonymer „Lobbys der Macht“ zu sein, dominiert.“

Es ist kein Wunder, dass bei Projekten, die derartige Texte enthalten, Konflikte es­kalieren.

Die Verkehrsplanung unterliegt dem Zeitgeist und der Planer den Bedingungen des Marktes. Oder konkreter: Verkehrsplaner schreiben so, wie es die Entschei­dungsträger wollen. Ausreichend ungenau, um politische Spielräume zu erhalten und im Falle von Unterlassungen nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden. Der Imperativ „Auf Klarheit gehen“ (Rudolf Carnap) ist nur selten gefragt, vielmehr scheint ein Überschuss an Konfusion in den Texten der Verkehrsplanung durchaus marktfähig zu sein.

„Woran soll sich die Verkehrspolitik orientieren? Vornehmlich aus der aktuellen Verkehrsmittelbenutzung bzw. aus dem abschätzbaren Trend leitet sich die Forderung ab, durch Ergänzung des Straßennetzes künftigen Mobilitätsbedürfnissen der Bevölkerung und Transporterfordernissen der Wirtschaft zu entsprechen. Ergänzend dazu ist jedoch auch den Argumenten der Ökologie und der Erhaltung der Qualität des Lebensraumes Rechnung zu tragen.“

Alles steht friedlich nebeneinander, wenn auch unterschiedlich bedeutsam; die manifeste Forderung nach Straßenbau einerseits, der vage Verweis auf ökologische Argumente andererseits. Ein schiefes Bild, ein Einklang der besonderen Art.

Gefahr durch Viren – Nachhaltig
Die Klarheit der Wörter und Bilder ist mehrfach bedroht. Am ge­fährlichsten scheint mir der Infekt der guten Absichten, genannt Nachhaltigkeit. Dieser anspruchsvolle Begriff zielt auf weltweite Verbreitung. Verbreitung erfordert Mehrdeutigkeit und Beliebigkeit – nur so kann massenweise Anhängerschaft ent­stehen. Verbreitung erfordert natürlich auch, dass in möglichst vielen Sprachen von Nachhaltigkeit die Rede ist; schon der vage Grundbegriff ist vortrefflich geeignet, einen mehrsprachigen Brei zu erzeugen – ungenießbar, unverdaulich und im Falle der Einverleibung mit ernsten Nachwirkungen verbunden.
Wie werden wir angesteckt, wo doch die Krankheitsfolgen unübersehbar sind? Durch den Universal-Stecker „Interdisziplinarität“, den Anschlusszwang an neue Strömun­gen, die als diffuse Ziele und vage Maßnahmen dahergespült werden. Mangels einer „Firewall“ – die sprachliche und bildliche Klarheit schützen könnte – sickern mon­ströse Schachtelsätze und Diagrammgebilde in unsere ohnehin prekäre Fach­sprache.
Dazu bieten Raum- und Verkehrsplanung genügend Schlag- und Plastikwörter an, die dem Eigenschaftswort „nachhaltig“ ideale Wirtsleute sind: Nachhaltige Mobilität, nachhaltige Verkehrsberuhigung, nachhaltige Stadtentwicklung, nachhaltiges Ver­kehrssystem.

„Um die Menschen zum Umstieg auf andere, nachhaltigere Mobilitätsformen zu bewegen, müssen nutzerorientierte Angebote geschaffen werden, indem die verschiedenen Verkehrsträger durch entsprechende informationelle und organisatorische Verbesserungen bzw. Dienstleistungen miteinander koordi­niert werden. Diese informationellen und organisatorischen Leistungen um­fassen.......“

„Dieser Text wirft mehrere Fragen auf: was sind „nachhaltigere Formen“ – oder ist nachhaltigere Mobilität gemeint? Was darf man sich unter „informationellen Verbesserungen“ vorstellen?
Nun aber doch ein Bild, ein Netzwerk der Begriffe, die irgendwie – jeder darf raten – miteinander verbunden sind.

Wer mehr sehen will, dem sei Gerhard HENSCHEL empfohlen: „die wirrsten Grafiken der Welt“.

Die Phänomene der Planer-Sprache
Ein Fluchtweg soll gleich einmal versperrt werden: die Stadt- und Verkehrsplanung bedarf keiner Fachsprache, sie hat mit der Alltagssprache auszukommen. Eine Planung, die auf Mitwirkung und Kooperation setzt, ist nur in der Alltags­sprache zu vermitteln. Auf der Latte, die es zu überspringen gilt, steht die Frage: haben das alle verstanden? Man kann natürlich auch mehr verlangen: Eleganz etwa, Stil oder Prägnanz. Wolf Schneider, Uwe Pörksen, Maria Nicolini widmen sich diesem Thema. Legendär der lakonische Satz Maria Nicolinis über einen Bericht aus der Kul­turlandschaftsforschung: „Dieser Text ist nicht zu retten!“ Was macht Texte unseres Faches so rettungslos unbrauchbar:

  • die Verwendung diffuser Hauptwörter – Entwicklung, Funktion, Struktur, Prozess – denen mit inhaltsschwachen Verben und Eigenschaftswörtern aufge­holfen werden soll; dazu einige Fragen von Hans WEIGEL:
  • Zum Vorwurf machen; warum nicht vorwerfen
  • Den Sieg davontragen; warum nicht siegen
  • Er fand an ihr Gefallen; warum nicht sie gefiel ihm
  • In Augenschein nehmen; warum nicht ansehen
  • Ein Ende finden; warum nicht aufhören
    - dann die Anonymität der Sätze, in denen nichts passiert, aus denen weder Verant­wortung erkennbar ist, noch Aufforderungen zum Handeln adressierbar sind.
    - die Zeitlosigkeit: da gibt es keine Vergangenheit, keine Geschichte, die sich chro­nologisch erzählen ließe; alles spielt in einer blassen Gegenwart.
    - und dann ist da noch die Anstrengung des Lesers, der bei mehreren verschachtel­ten Sätzen auf der Suche nach einem helfenden Verbum oft schon auf Seite 1 aussteigt – ja der Text ist nicht zu lesen und also nicht zu retten.

Planungsprofis pflegen dann zu sagen: da muss man eben durch, durch den Text. Nein, muss man nicht – ungestraft darf man aufhören, weglegen darf man das Kauderwelsch, das sich Verkehrskonzept oder Gutachten oder Studie nennt.

„Einen offensichtlich direkten und nicht unerheblichen Einfluss der größen­mäßigen Formierung des motorisierten Individualverkehrs in der Verkehrs­zusammensetzung der zurückgelegten Wege spielt die Motorisierung, die sich letztendlich vor allem in der PKW-Verfügbarkeit äußert.“

Es ist doch bemerkenswert, was man mit unserem MIV so alles tun kann – „ihn größenmäßig formieren“ etwa, in Reih‘ und Glied.

Benchmarks?
Zum Schluss: der unerfüllbare Anspruch. Natürlich sind wir keine Schriftsteller, unsere Essay-Versuche im Stile legendärer Kritiker der Gesellschaft und jener Meister der Sprache sind bestenfalls bemüht, oftmals nur lächerlich. Dennoch sollte uns die Meisterschaft der Könner Ansporn sein und bei jedem Wort, das wir achtlos niederschreiben, innehalten lassen. Der Autor, von dem Sie abschließend zwei Sätze lesen, wollte fast sein ganzes Werk vernichtet wissen. Die Türhüter-Parabel hielt er für gute Literatur:

„Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz“.
Franz Kafka, Der Proceß.

Quellen:
Fetz, B., Kastberger K.,
Der literarische Einfall
Über das Entstehen von Texten
Magazin des österreichischen Literaturarchivs, 1/1998

Schneider, W.,
Deutsch für Profis
Mosaik bei Goldmann, 2001

Pörksen, U.,
Plastikwörter
Klett-Cotta, 1998

Nicolini, M.,
Sprache, Wissenschaft, Wirklichkeit
bm:bwk, 2001